Kritische Wissenschaft

Das Studium an einer modernen Universität folgt dem Imperativ, eine nützliche Wissenschaft zu erlernen. Über was auch immer aus den Bereichen Natur und Gesellschaft dort geforscht und gelehrt wird, stets geht es (auch) um die Frage wie es zur Gewinnemacherei der Unternehmen, der Organisation der politischen Gewalt oder überhaupt dem gesellschaftlichen Zusammenleben beiträgt und wie diese Einrichtungen im Zweifelsfall besser zu beherrschen wären. Kritik ist, abgesehen von den notorischen Zweifeln, ob all die Einrichtungen wirklich immer die guten Aufgaben erfüllen, die man ihnen zuschreibt, von einer solchen Wissenschaft eher nicht zu erwarten. Eine Analyse der gesellschaftlichen Zwecke, die diese begründen würde, stünde zu ihrem konstruktiven Charakter in einem erkennbaren Gegensatz.

Der Tatendrang einiger Unzufriedener, die sich nicht einverstanden erklären mit der kapitalistischen Ökonomie, dem Staat, der die Dauerhaftigkeit dieser Ökonomie mit seiner Gewalt garantiert und dem nationalistisch verdorbenen Geisteszustand des entscheidenden Teils der Bevölkerung, hat allerdings auch seine Heimat an der Universität. Er betätigt sich als Protest, der hier mal eine Gesetzesinitiative durchzudrücken und dort mal ein klimaschädigendes Unternehmen zu schädigen versucht. Dass eine ernsthafte Absage an kapitalistische Verhältnisse es aber erfordert, sich theoretisch – und praktisch erst recht – mit der kompletten bürgerlichen Welt anzulegen, mit all den Notwendigkeiten und Gepflogenheiten des Konkurrierens, an denen moderne Menschen sich aufreiben und ihre Funktion in diesen und für diese Verhältnisse praktizieren, und mit all den Vorstellungswelten geistig aufzuräumen, die dieser Lebensführung einen Sinn geben, das scheint auch hier kaum geläufig. Eher wähnt man sich auf der sicheren Seite der Sicherheit, dass echt herzensgute Menschen sowieso kaum guten Gewissens für diese Verhältnisse sein können. 

Eine wissenschaftliche Befassung damit, wie diese Gesellschaft beschaffen ist, welche Prinzipien sie zusammenhalten und insofern eine Kritik der verschiedenen Arten, sich geistig wie praktisch hier einzurichten und ein Leben lang damit zu kämpfen, es sich einigermaßen angenehm zu machen oder das zumindest einzureden, nimmt sich das neue Referat für kritische Wissenschaft vor. Zu diesem Zweck wird es verschiedene Angebote geben, wesentlich und als erstes freut sich das Referat auf eine offene Diskussionsrunde, die mit der kritischen Orientierungswoche beginnt, sich aber auch danach stets über neue Gesichter freuen wird.

Kontakt: kriwi@asta.uni-bremen.de

Spezifische Ankündigungen für einzelne Angebote folgen, wer auf dem Laufenden bleiben will kann sich aber gerne auch schon per Mail melden…

 

Aktuell

Es wird ein kritischer Lesekreis angeboten, der sich zuerst der Wohnungsnot in Deutschland widmet unter dem Titel

Wohnungsnot im Kapitalismus: Ein unlösbares Dauerproblem

Das Wohnen wird in deutschen Großstädten immer teurer, nimmt einen immer größeren Anteil des Einkommens der meisten Menschen ein. Die Betroffenen bekommen auf diese Weise zu spüren, dass die Wohnung, von der manche fordern, sie dürfe keine Ware sein, tatsächlich keine gewöhnliche Ware ist. Während bei gemeinen Waren die Konkurrenz auf Basis der Herstellungskosten den Verkaufspreis bestimmt, gilt das bei der Wohnung nur für zwei ihrer drei Preisbestandteile: erstens für das Gebäude und seine gewerbliche Errichtung, zweitens für die Betriebskosten – Strom, Wasser, Heizung und Instandhaltung –, die zusammen eine „zweite Miete“ ausmachen. Anders verhält es sich mit dem dritten Faktor des Mietzinses: dem Boden, auf dem das Wohngebäude ruht. Selbst gar nicht fabriziert, daher ohne jede Herstellungskost, funktioniert hier das bloße Eigentum an Gelände, ein Eintrag ins Grundbuch, als Quelle von Einkommen für den Grundbesitzer. Ausgerechnet dieser Preis, der gar keinen Aufwand entgilt, macht das Wohnen immer teurer.

Das Referat für kritische Wissenschaft lädt ein zu einem Lesekreis, der sich mit dem ökonomischen Gehalt dieser Reichtumsquelle Grundeigentum befasst und den modernen Entwicklungen bis hin zur finanzkapitalistischen Spekulation auf Leerstand von Wohnungen nachgeht.

Bei Interesse meldet euch gerne bei kriwi@asta.uni-bremen.de, dann bekommt ihr etwas Lesestoff vorab. Ansonsten freuen wir uns auch auf spontan interessierte: kommt einfach am Mittwoch, den 09.10. von 16 bis 18 Uhr in die AStA-Etage

 


 

English version:

Critical Science

Studies at modern universities are committed to the objective of being a useful science. Whatever is researched and taught in the areas of nature and society, it’s always connected to the question, how the knowledge can be used for the profit of enterprises, the structure of sovereignty or generally wellordered social relations – also, it is asked, hosw those institutions can be governed better. Critique is – aside from notorious doubts, if all those institutions really perform their good and rightful duties that are attributed to them – not something one can expect from such sciences. A thorough analysis of economic and societal purposes that would be the basis of a consistent critique would be a direct contradiction to the constructive character of modern studies.

The drive and enthusiasm of a few that do not agree with the capitalist economy, the state that guarantees its continued existence by its power, or with the nationalistic state of mind of significant parts of the population, however, has its place at the universities, too. Their enthusiasm operates as protest that tries to bring a few legislative initiatives in motion and conclude them now and then, or becomes apparent in the aim of damaging climate-damaging enterprises here and there. There’s one thing hardly anyone here seems to notice: A serious rejection of capitalist conditions would require to theoretically and – practically all the more – oppose all of the bourgeois world, all of the necessities and practices of civil competition, on which modern humans wear themselves out. It would imply to oppose the practices that are necessities in and for this society and to reject all concepts that are used as individual purposes and meanings for such a harmful way of living. Instead, one is far too often pacified by the superficial thought that kind-hearted people would never agree with these conditions with clear conscience.

A scientific investigation of how this society works and which principles hold it together is what the newly established unit for critical sciences aims for. Thus, we also aim to critique all the ways, in which people arrange themselves mentally as well as practically with this society, only to struggle their whole lives to make life here somewhat comfortable or at least talk themselves into believing it. In order to achieve this, there will be various options. For a start, the unit of critical science is looking forward to an open discussion, starting with the critical orientation week, but also happy to see anyone after this time, too.

You can contact us here: kriwi@asta.uni-bremen.de

Specific announcements for separate events will follow. If you want to be updated earlier, you can write us an e-mail. We will gladly reply.