Sexualisierte Gewalt auf dem Unicampus

TRIGGERWARNUNG: SEXUALISIERTE GEWALT: In diesem Statement geht es um sexualisierte Gewalt. Erfahrungen und Situationen werden nicht detailliert beschrieben, dennoch werden Beispiele benannt. Erinnerungen und Gefühle an eigene Erlebnisse können dadurch hervorgerufen werden. Möglicherweise werden beim Lesen neue Aspekte der eigenen Erfahrung erkannt und Verletzungen erstmals als solche wahrgenommen. Es kann hilfreich sein, sich vorher zu überlegen, was und wer in dieser Situation unterstützen kann. Beispielsweise kann die Mail zur Seite gelegt werden, um etwas ganz anderes zu machen oder um mit einer Person zu sprechen. Vielleicht kann es auch hilfreich sein, bewusst weiterzulesen und sich tiefer mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Zusätzlicher Support: Dieser Link führt zu einer Liste mit Beratungsstellen bei sexualisierter Gewalt und Missbrauch in Bremen: https://www.drk-bremen.de/wp-content/uploads/2020/11/Ansprechpersonen-Liste-bei-Gewalt-Extern-11.2020.pdf

Entschlossen gegen sexualisierte Gewalt auf dem Campus!

In den vergangenen Wochen ist es vermehrt zu Vorfällen von sexualisierter Gewalt auf dem Uni-Gelände gekommen. Bereits vor einigen Jahren gab es solche Übergriffe an der Universität, bei denen in Toiletten fotografiert und gefilmt wurde. Die Informationen über die Übergriffe wurden durch den AStA an die Universitätsleitung weitergetragen. Diese entzieht sich – damals wie heute – ihrer Verantwortung und duldet diese Gewalt ohne weitere Konsequenzen und Schutzmaßnahmen. In ihrem Leitbild steht geschrieben, die „Gesellschaftliche Verantwortung ist das grundlegende Leitprinzip der Universität Bremen“. In ihrem Umgang mit den aktuellen Vorfällen wird die Universität ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht. Dies zeigte sich unter anderem in einem Gespräch mit der Kanzlerin im Februar 2024. Sie verwies auf die Polizei als erste und einzige Anlaufstelle bei sexualisierten Übergriffen, wobei deren Anfahrt beim letzten Vorfall ganze 45 Minuten dauerte. Zudem wurden die Übergriffe durch die Kanzlerin als strukturelles Problem verkannt und zu Einzelfällen degradiert. Damit wird diese Form der Gewalt unsichtbar gemacht. Auch als in den vergangenen Jahren Menschen widerrechtlich auf den Toiletten fotografiert und gefilmt wurden, ließ der damalige Kanzler lediglich Schilder mit der Aufschrift „Fotografieren verboten“ in den Toiletten anbringen.
Wir erachten die Polizei eindeutig nicht als eine Institution, die mit sexualisierter Gewalt sensibel oder in irgendeiner Art und Weise angemessen umgeht. Als betroffene Person wird man dazu gezwungen, die Tat immer und immer wieder erneut zu schildern, was oft zu Retraumatisierungen führt. Sie arbeiten „Einzelfall“-orientiert und sind so stets systemstabilisierend und haben kein Interesse an der Überwindung von patriarchalen Herrschaftsverhältnissen.

Das Verhalten der Universitätsleitung ist Ausdruck einer absoluten Verharmlosung struktureller Gewalt, welche wir auch hier an der Universität erleben. Studierende und Mitarbeitende können mit keinerlei Unterstützung rechnen und werden mit dem Erlebten alleine gelassen. Somit wird sexualisierte Gewalt ins Private verschoben und entpolitisiert. Sich auf dem Campus aufzuhalten, wird zunehmend eine Gefahr für Studierende und Mitarbeitende. Denn anstatt ihrer Verantwortung gerecht zu werden, zeichnet sich die Universitätsleitung durch permanentes und offensives Nichtstun aus. Obwohl die Übergriffe im Rektorat bekannt sind, schauen sie aktiv weg und zeigen kein Verständnis für die schwerwiegenden Folgen sexualisierter Gewalt. In Anbetracht der Dringlichkeit der Situation und der vermehrten Übergriffe, kann das Rektorat nicht länger warten und wegsehen. Die Übergriffe sind und waren schon lange bekannt und wurden ignoriert. Indem so etwas tatenlos geduldet wird, trägt die Universitätsleitung eine Mitschuld an diesen und allen zukünftigen Übergriffen. Die im Leitbild beschlossenen „verlässlichen Strukturen, Praktiken und Haltungen, die Diversität fördern und antidiskriminierend“ sein sollen, lassen auf sich warten und werden weder erarbeitet noch umgesetzt. Stattdessen werden studentische Initiativen für Antidiskriminierung – wie die kivi – eingestampft und professionelle Stellen – wie die ADE – massivst unterfinanziert. Resultierend daraus müssen die Personen in der ADE unter prekären Bedingungen arbeiten und sind stets überarbeitet. Mit den aktuellen Kapazitäten kann sie ihren Aufgaben nicht gerecht werden. Die Universität lässt ihre eigenen Supportstrukturen im Stich. Des Weiteren fehlen der Anlaufstelle jegliche Befugnisse zur Umsetzung von Maßnahmen gegen Personen, die sich übergriffig verhalten. Wenn die Personalsituation der zuständigen Supportstrukturen jedoch derart mangelhaft bleibt, kann diese Arbeit nicht angemessen geleistet werden.

Das lausige Verhalten der Universitätsleitung trägt dazu bei, dass patriarchale Verhältnisse aufrechterhalten werden, in denen sexualisierte Gewalt verbreitet, toleriert und geduldet wird. Der Umgang der Universität stellt eine Entpolitisierung der Machtstrukturen dar, indem sie Übergriffe individualisieren und zur privaten Angelegenheit von Betroffenen macht. Anstatt Schutz- und Unterstützungsstrukturen im nötigen Maße auszubauen, trägt die Universität aktiv zur Unsichtbarmachung von patriarchaler Gewalt bei. Wir kritisieren dieses Verhalten zutiefst. Wir verstehen dieses Nichtstun nicht als neutrales Verhalten, sondern als Täterschutz, weil Personen, die sexualisierte Gewalt an der Universität ausüben, mit keinerlei Konsequenzen rechnen müssen und Betroffenen keine ausreichenden Supportstrukturen zur Verfügung gestellt werden. Sexualisierte Gewalt ist allgegenwärtig und trifft v.a. Frauen und queere Personen. Diese können sich unter gegebenen Umständen nicht sicher auf dem Campus bewegen. Übergriffe passieren jetzt, ständig und überall. Zu ihnen muss öffentlich verantwortungsvoll Stellung bezogen werden. Sexualisierte Gewalt ist kein individuelles und zufälliges Einzelereignis – sondern Ausdruck patriarchaler Machtverhältnisse. Für uns fängt „Antisexismus, deshalb da an, wo dieser Skandal nicht mehr hingenommen wird und sexuelle Gewalt nicht mehr zum Problem der Betroffenen gemacht wird, sondern zum Problem ihrer hauptsächlichen Verursacher und der patriarchalen Gesellschaft, die hinter ihr steht“ (Kim Posster).
Wir brauchen eine Universität, an der wir ohne Angst vor physischer und psychischer Gewalt studieren und arbeiten können. An der Universität muss ein verantwortungsvoller und politischer Umgang mit sexualisierter Gewalt etabliert werden. Wir fordern einen kollektiven Aktivismus gegen patriarchale Gewalt und eine konsequente Verantwortungsübernahme seitens der Universitätsleitung. Jeder Übergriff ist einer zu viel.

English Version

TRIGGER WARNING: SEXUALIZED VIOLENCE: This statement is about sexualized violence. Experiences and situations are not described in detail, but examples are given. Memories and feelings of your own experiences may be evoked. It is possible that new aspects of your own experience will be recognized while reading and that violations will be perceived as such for the first time. It can be helpful to think beforehand about what and who can provide support in this situation. For example, the email can be put aside to do something completely different or to talk to someone. It may also be helpful to consciously read on and look at the issue in more depth.
Additional support: This link leads to a list of counseling centers for sexualized violence and abuse in Bremen: https://www.drk-bremen.de/wp-content/uploads/2020/11/Ansprechpersonen-Liste-bei-Gewalt-Extern-11.2020.pdf

Resolutely against sexualized violence on campus!

In recent weeks, there has been an increase in incidents of sexualized violence on the university campus. A few years ago, there were already such assaults at the university, where people were photographed and filmed in toilets. The information about the assaults was passed on to the university management by the AStA. The former evaded its responsibility – then as now – and tolerated this violence without any further consequences or protective measures. Its mission statement states that „Social responsibility [is] the fundamental guiding principle of the University of Bremen“. In its handling of the current incidents, the university is not living up to its own standards. This was evident in a conversation with the Chancellor in February 2024, where she referred to the police as the first and only contact point for sexualized assaults, although it took them 45 minutes to arrive on the last occasion. In addition, the Chancellor misjudged the assaults as a structural problem and downgraded them to individual cases. This makes this form of violence invisible. Even when people were illegally photographed and filmed in the toilets in recent years, the former chancellor merely had signs with the words „Photography prohibited“ put up in the toilets.

We clearly do not consider the police to be an institution that deals with sexualized violence in a sensitive or appropriate way. As a victim, you are forced to describe the crime over and over again, which often leads to re-traumatization. They work on a case-by-case basis and thus always stabilize the system and have no interest in overcoming patriarchal power relations.
The behavior of the university management is an expression of an absolute trivialization of structural violence, which we also experience here at the university. Students and staff cannot count on any support and are left alone with what they have experienced. This shifts sexualized violence into the private sphere and depoliticizes it. Being on campus is increasingly becoming a danger for students and staff. Instead of living up to its responsibility, the university management is characterized by permanent and offensive inaction. Although the assaults are known to the rectorate, they actively look the other way and show no understanding for the serious consequences of sexualized violence. In view of the urgency of the situation and the increasing number of assaults, the rectorate can no longer wait and look the other way. The assaults are and have been known for a long time and have been ignored. By tolerating such things without doing anything, the university management is partly to blame for these and all future assaults. The „reliable structures, practices and attitudes that support diversity and are anti-discriminatory“ agreed upon in the mission statement have yet to be developed and implemented. Instead, student initiatives for anti-discrimination – such as kivi – are being stamped out and professional bodies – such as the ADE – are being massively underfunded. As a result, the people in the ADE have to work under precarious conditions and are constantly overworked. With the current capacities, it cannot fulfill its tasks. The university is letting its own support structures down. Furthermore, the contact point lacks any authority to implement measures against people who behave abusively. However, if the staffing situation of the responsible support structures remains so inadequate, this work cannot be done adequately.

The lousy behaviour of the university management contributes to the maintenance of patriarchal conditions in which sexualized violence is spread, tolerated and condoned. The university’s approach represents a depoliticization of power structures by individualizing assaults and making them a private matter for those affected. Instead of expanding protection and support structures to the necessary extent, the university actively contributes to making patriarchal violence invisible. We deeply criticize this behavior. We do not see this inaction as neutral behavior, but as protection of perpetrators, because people who commit sexualized violence at the university do not have to expect any consequences and those affected are not provided with sufficient support structures.

Sexualized violence is omnipresent and affects women and queer people in particular. They cannot move around safely on campus under the given circumstances. Assaults happen now, all the time and everywhere. A responsible public stance must be taken on them. Sexualized violence is not an individual and random single event – but an expression of patriarchal power relations. For us, „anti-sexism therefore begins where this scandal is no longer accepted and sexual violence is no longer made a problem for those affected, but a problem for its main perpetrators and the patriarchal society behind it“ (Kim Posster).

We need a university where we can study and work without fear of physical and psychological violence. A responsible and political approach to sexualized violence must be established at the university. We demand collective activism against patriarchal violence and a consistent assumption of responsibility on the part of the university management. Every assault is one too many.